Der eiskalte und zugleich kristallklare Tag machte Telma Johansdottir glücklich. Der Frühling, ihre liebste Jahreszeit, stand kurz bevor. Kälte hatte ihr noch nie etwas ausgemacht. Nur Dunkelheit. Telma schimpfte sich zwar innerlich selber, mit Ende 20 immer noch Angst vor der Finsternis zu haben, dennoch war sie jedes Mal froh, wenn der arktische Winter ohne Sonne vom hellen Frühling abgelöst wurde.
Aber seit sie mit Thomas Björnsson verheiratet war und sie ihre gemeinsamen Söhne Kristof und Kristjan zur Welt gebracht hatte, war auch im Winter genug zu tun, um sich von der Schwärze der Nacht abzulenken.
Telma seufzte. Kristofs achter Geburtstag am nächsten Tag sollte etwas ganz Besonderes werden. Gemeinsam mit ihrer Nachbarin Sunna buk sie schon seit Stunden süße Kuchen und legte deftige Fischspezialitäten ein. Thomas, Kristjan und Kristof waren in den umliegenden Hügeln unterwegs, damit die Geburtstagsüberraschung auch eine Überraschung blieb.
Mühsam drehte Telma die Kurbel am Brunnen. Ein Mann aus Reykjavik hatte versprochen, dass nächstes Jahr Wasserleitungen zum Dorf gebaut werden sollten. Sie schnaubte vor Anstrengung und Belustigung; Grindavestyr war wohl der einzige Ort auf der Welt, der zwar Anbindung ans Elektrizitätsnetz hatte, aber kein fließend Wasser.
Auf dem Rückweg blickte sie beunruhigt zum Gletscher hinauf. Wie ein Tier, das in wilden Träumen zuckt und knurrt, hatte der Dranga geklungen. Dann wandte sie sich ab. Kiljan würde noch heute hinaufsteigen und nach losen Eisplatten oder Eisrutschen suchen.
Jetzt galt es erst einmal, die Kuchen fertigzubacken.
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"Kann ich wohl!"
Kristof zog eine sauertöpfische Miene. Sein kleiner Bruder Kristjan tat es ihm gleich.
"Kannst Du gar nicht! Kein Mensch kann sowas! Nur ein Zauberer!"
"Und woher hab ich dann gewusst, dass Erik die Fische gestohlen hat?"
"Er hat es Dir halt gesagt!"
"Das hat er nicht, und das weißt Du!"
"Aber keiner kann Geheimnisse nur aus dem Gesicht von Leuten lesen... Du willst doch nur angeben!"
Kristof war der Diskussion überdrüssig. Hätte er Kristjan nur nicht von seiner Fähigkeit erzählt. Seit Tagen ging dieser Streit schon - aber keiner der beiden sturen Jungen war bereit, nachzugeben. Ihr Vater Thomas hatte sie auf eine Erkundungstour mitgenommen, um sie wieder zu versöhnen. Bisher hatte dieser Versuch aber noch keine Früchte getragen.
"Papa, wann gehen wir denn zu den Geysiren?" quengelte Kristof, um das Thema zu wechseln.
Sein Vater kniete sich neben ihn und deutete auf eine naheliegende Gebirgskette.
"Dort, ganz knapp hinter dem Hügel sind einige. Wenn wir uns beeilen, sind wir in einer halben Stunde dort."
Kristjan jauchzte übermütig und lief los. "Wer zuerst da ist, hat gewonnen!"
Lachend folgte Thomas seinen Söhnen durch die noch unbegrünten Hügel.
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Steine rollten den Abhang hinunter, während der Wanderer den beschwerlichen Aufstieg begann. Kiljan Ulfsson machte sich Sorgen. Der Drangajökull war die letzte Zeit sehr aktiv gewesen. Manchmal entluden sich die Aktivitäten nur in harmlosen Steinschlägen, die das Dorf nicht erreichten. Manchmal kam es schlimmer.
Sein Vater hatte ihm von der Katastrophe anno 1957 erzählt, als der Dranga zuletzt erwacht war. Lava hatte das Eis gelöst, und die Schollen waren die Abhänge hinab bis in die Siedlung gerast. Die Hälfte des damals kleineren Dorfes war zerstört worden und keine Familie wurde von Verlusten verschont. Dieses Ereignis hatte seinen Vater so sehr geprägt, dass er Glaziologe wurde. Von ihm hatte Kiljan gelernt, kontrollierte Lawinen und Erdrutsche zu erzeugen, um größeres Unglück zu verhindern.
Und jetzt wieder, dieses nicht endende Grollen. Kiljan zuckte unwillkürlich, als ein lautes Knirschen durch die Spalten im Gestein hallte. Der schlafende Riese schien im Traum zu reden.
Die schweren Sprengsätze an seinem Gürtel machten das Laufen schwer, aber Kiljan musste auf alles vorbereitet sein. Sollten sich tatsächlich Eisschollen gelockert haben, konnte man keine Nacht mehr warten.
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Leif Magnusson lief fluchend durchs Dorf. Ausgerechnet heute funktionierte sein Telefon nicht. Er ertappte sich dabei, eine nicht jugendfreie Formulierung in inadäquater Lautstärke von sich gegeben zu haben. Wie sollte er denn einen kleinen Supermarkt betreiben, wenn er keine Waren bestellen konnte? Er bedachte seinen verdammten Vater, der ihm die Leitung seines Supermarktes übertragen hatte, mit einer Beleidigung, dann stand er vor Thomas Björnssons Haus. Thomas besaß das zweite Telefon im Ort - er war ganz verrückt nach Technik. Die beiden hatten sich die Kosten für die Verlegung eines Telefonkabels geteilt.
Leif klopfte heftig gegen die Tür.
„Thomas? Bist Du da?"
Telma, ein wenig rot im Gesicht und offenbar nicht in bester Laune, öffnete die Tür.
„Hallo Leif. Nein, Thomas ist gerade nicht da."
„Könnte ich vielleicht euer Telefon benutzen? Meines bekommt keine Verbindung, dieses Drecksding!"
„Machst Du Witze?! Momentan funktioniert hier gar nichts mehr! Ein Strommast muss umgekippt sein, der ganze große Kuchen für Kristof ist hin!", fauchte Telma.