Der nasskalte Morgen tauchte Bukarest in ein fahles Grau. Seit dem Fall hatte sich vieles verändert. Menschen verschwanden jetzt täglich. Aber niemand, der unter dem Einfluß der Gesandten stand, kümmerte sich darum. Die Schreie verhallten ungehört, flehende Blicke blieben ungesehen und kein Blut wurde gesühnt.
Wie ein Hohn auf das Chaos und Leid der Menschen erhob sich der in unschuldigem Weiß gehaltene Präsidentenpalast über der Stadt. Stille hüllte den davor gelegenen Platz ein. Doch der ruhige äußere Eindruck täuschte. Im Innern des monumentalen Palastes tönte ein gleichmäßiges Krachen von Metall, das auf Stein geschlagen wurde. Die weiten Hallen warfen ein vielfaches Echo zurück, so dass man sich auf einer Baustelle wähnte.
Der Auserwählte stand am Eingang eines großen Saales und betrachtete konzentriert das Werk des Steinmetz‘. Die Skulptur würde perfekt. Sieben Meter in der Höhe, drei Meter breit aus tiefschwarzem Obsidian. Der Stein schien jedes Licht aus dem Saal zu saugen, nur die geschliffene Oberfläche glänzte und warf den grauen Schein der Fenster zurück.
Als Zeysen an ihn herantrat, lächelte der, der einmal Nicolae Ceaucescu gewesen war.
"Beeindruckend. Ein Monument seiner Größe."
"Ich weiß, Viktor. Es ist soweit. Der Letzte der Zehn steht vor dem Fall."
Der letzte Erbe
Larry Newman saß fast alleine in der kalten Kapelle. Er erinnerte sich nicht mehr daran, wie lange es nun her war, dass ihn Anahita und Razvan Gulesco zum ersten Mal hierher gebracht hatten. Es schienen Äonen vergangen zu sein. Äonen ... woran erinnerte das ihn nur ... An ferne Zeit ... Doch die Erinnerungen blieben fern. Alles, was sich änderte, wurde schlimmer. Und die Opfer mehrten sich.
Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
"Mr Newman?"
Larry blickte auf. Ein Mann stand im hinteren Bereich der Kapelle und deutete auf einen der Beichtstühle.
"Der Erbe will Sie sprechen."
Langsam erhob sich Larry von den kalten Stufen vor dem Altar und schritt den Mittelgang entlang. Rechts und links säumten leere Feldbetten seinen Weg. Sie hatten die Kinder nicht beschützen können. Niemand hatte sie je beschützen können. Obwohl Larry erst seit einigen Tagen wieder in der Heimstatt des Pandialo-Ordens weilte, hatte er von den blutigen Auseinandersetzungen mit den Dienern der Fahlen gehört. Resigniert blieb er stehen und betrachtete die hinteren Bänke, wo nur hier und da eine in sich versunkene Gestalt saß.
"Mr Newman. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit", ermahnte ihn der Pandialo-Jünger leise.
Der Vorhang des Beichtstuhles raschelte leise, als Larry eintrat. Doch auch dieses Geräusch konnte nicht über das schwere Atmen hinwegtäuschen, das aus der anderen Hälfte durch das Gitter zu ihm herüberdrang. Es roch nach Krankheit und Verfall.
"Ein Wunder, dass Sie noch leben, Larry..."
"Das größere Wunder ist, dass Sie es so lange geschafft haben, gegen den Tod zu kämpfen."
Dorgans leises Lachen ging in einen keuchenden Husten über.
"Von allen Wundern, die ich je gehört,
Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten,
Da sie doch sehn: der Tod, das Schicksal aller,
Kommt, wann er kommen soll."
"Touché", bemerkte Larry trocken. "Hamlet?"
"Nein ... das ist aus ,Julius Cäsar‘. Ich spüre, dass mein Tod nahe ist. Die Strahlen-krankheit frisst mich auf. Der Orden ist am Boden und nur noch ein einziger fahler Ort ist übrig, an dem unser Schicksal besiegelt werden wird. Ich kann in diesem Krieg nicht mehr dienen. Nun ist es an der Zeit, Ihnen die Waffen zu überlassen, die mir noch geblieben sind. Sie und Bakerman sind unsere letzte Hoffnung!"
Ein erneutes Husten verdrängte das Schweigen. Larry wurde die Tragweite von Dorgans Worte erst nach und nach bewusst.
"Sie ... Sie besitzen noch einen Flakon?" fragte er ungläubig. Bakerman hatte angenommen, die Fahlen hätten alle Proben Ila al Khalfs vernichtet oder für sich beansprucht.
"Nicht nur das. Meine Männer haben auch die fiebrige Träne wiedergefunden, die nach dem Fall Jangal Mandirs verloren gegangen ist ... Jene, die Bakerman Carradine gegenüber nicht erwähnte, wenn ich Ihren Berichten glauben darf. Bakerman sollte besser aufpassen, wie er mit seinem teuersten Besitz umgeht."
Diese Bemerkung gab Larry einen schmerzhaften Stich. Es erinnerte ihn an seine Vision in Indien. Der Bakerman, der nur mit dem Leben anderer spielte ... Joyce hatte diese Erfahrung mehrmals machen müssen. Das letzte Mal war folgenschwer gewesen.
"In der Krypta werden Sie die Gegenstände von meinem Assistenten in Empfang nehmen", fuhr Dorgan fort. Seine Stimme wurde merklich schwächer. "Draußen wartet ein Hubschrauber auf Sie. Auf dass Sie mehr Erfolg haben werden als ich."
Larry verließ den Beichtstuhl. Zwei in weiß gekleidete Anhänger eilten bereits herbei, um ihrem Anführer beizustehen.
In der Krypta war es totenstill. Keine der elektronischen Apparaturen war mehr in Betrieb. Alles in dieser Kapelle sah seinem Untergang entgegen. Nur der junge Mann, der auf ihn wartete, schien noch nicht alle Hoffnungen verloren zu haben. Mit einem Blick, in dem feste Entschlossenheit lag, überreichte er Larry eine unauffällige schwarze Tasche. Sie war nicht besonders schwer. Doch durch den offenen Reißverschluß blinkte der regenbogenfarbene Glanz des Flakons.